Orthodoxe Gebetsketten: Werwiza und Lestowka
Orthodoxe Gebetsketten sind vor allem ein Werkzeug für das Jesusgebet: das kurze Anrufen „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders”, das vielfach wiederholt wird. In der Orthodoxie haben sich historisch zwei Hauptformen herausgebildet – die geknotete Werwiza und die lederne Lestowka.
Werwiza (Komboskini, Gebetskette)
Die Werwiza ist eine Schnur, an der anstelle von Perlen besondere Knoten geknüpft sind. Die griechische Bezeichnung lautet Komboskini (κομποσκοίνι), die russische Werwiza oder schlicht Gebetskette. Jeder Knoten wird traditionell so gebunden, dass die Verflechtung eine Reihe von Kreuzen bildet; man geht davon aus, dass gerade dies den Knoten zum Gebetsknoten macht.
Die Zahl der Knoten variiert: Verbreitet sind Schnüre mit 33, 50, 100 Knoten, es gibt auch größere – mit 150 und 300, die durch große Markierungsperlen in Zehnergruppen oder andere Gruppen unterteilt sind. Die Werwiza endet mit einem geknoteten Kreuz und einer Quaste. Das klassische Material ist Wolle (ein Verweis auf das Bild der „Schafe der Herde Christi”), seltener Seide oder Baumwolle; die wollene Schnur ist weich und lautlos, was für ein unauffälliges Gebet wichtig ist.
Die Handhabung ist einfach: An jedem Knoten spricht man das Gebet (das Jesusgebet oder etwa „Jungfrau Gottesgebärerin, freue dich”), bis man zur Markierung oder zum Kreuz gelangt. Die Werwiza ist besonders mit der monastischen Tradition des Hesychasmus verbunden und wird dem Mönch bei der Mönchsweihe als „geistliches Schwert” überreicht.
Lestowka
Die Lestowka ist eine besondere Form der Gebetskette, die sich vor allem bei den Altgläubigen erhalten hat. Es handelt sich um ein geschlossenes ledernes (oder textiles) Band in Schlaufenform mit eingenähten Wülsten – den „Böbotschki” –, die man wie Stufen durchzählt. Der Name selbst stammt vom Wort „Lestwiza” – Leiter, ein Sinnbild des geistlichen Aufstiegs zum Himmel.
Der Aufbau der Lestowka ist streng symbolisch. Die Stufen sind nach einer besonderen Zählung gruppiert (traditionell spricht man von 100 grundlegenden „Böbotschki” und mehreren ungleichen Gruppen am Anfang und Ende), und an den Übergangsstellen sind „Stufen” größeren Formats eingenäht. An den Enden befinden sich vier dreieckige Lappen – die „Lapostki”, die die Evangelisten symbolisieren, mit einer Einfassung am Rand.
Geschichte und Bedeutung
Das Zählen der Gebete an Knoten und Körnern ist im Christentum seit dem frühen Mönchtum bekannt: Die Überlieferung verbindet die Erfindung der geknoteten Werwiza mit den ägyptischen Wüstenvätern. Die Lestowka festigte sich als eigenständige Form in der russischen Tradition und wurde nach der Kirchenspaltung des 17. Jahrhunderts zu einem charakteristischen Attribut des Altgläubigentums. Beide Formen bleiben kein Schmuck, sondern ein Arbeitswerkzeug des gesammelten, wiederholten Gebets.